Autorius: Daniell Pföhringer Šaltinis: https://www.compact-online.de/... 2026-09-29 01:35:00, skaitė 24, komentavo 0
Das Horrorszenario wird angesichts der nur gut zur Hälfte gefüllten deutschen Gasspeicher immer greifbarer. Eine Modellrechnung sowie Studien führender Institute und Verbände schlagen Alarm. Die Energiekrise sieht Gerhard Wisnewski als Teil des «Hybriden Krieges gegen Deutschland» in seinem gleichnamigen Buch. Hier mehr erfahren.
Die nächste Heizsaison steht vor der Tür, und die Bundesnetzagentur bewertet die Gasversorgung in Deutschland als stabil und die Gefahr einer angespannten Versorgung als gering. Dabei lagen die Füllstände der deutschen Gasspeicher zuletzt meistens unterhalb des Minimums der Jahre 2018 bis 2021, also der Zeit vor der Energiekrise infolge des Ukraine-Krieges. Aktuell sind die Tanks im Durchschnitt erst zu 57 Prozent gefüllt.
Bis zum 1. November gelten nach der aktuellen Füllstandsverordnung Zielvorgaben von 80 Prozent für die meisten Speicheranlagen und 45 Prozent für sechs ausdrücklich genannte Anlagen. Über alle deutschen Speicher hinweg entspricht dies einem Füllstand von rund 70 Prozent. Ob dieser Wert erreicht wird, hängt nun maßgeblich davon ab, wie viel Gas tatsächlich eingespeichert wird. Dabei ist nicht die technische Importkapazität das Hauptproblem, sondern die Frage, ob genügend Gas zu wirtschaftlich tragbaren Preisen verfügbar ist, nach Europa gelangt und tatsächlich eingespeichert wird – und wie kalt der kommende Winter ausfällt.
Nach dem Stopp russischer Gasimporte Ende 2022 hat Deutschland seine Bezugsquellen grundlegend umgestellt. Der größte Gaslieferant ist inzwischen Norwegen. Weitere erhebliche Mengen gelangen über die Niederlande und Belgien nach Deutschland. Gleichzeitig wurde die Infrastruktur für Flüssiggas (LNG) massiv ausgebaut. In Wilhelmshaven (Niedersachsen) sind zwei schwimmende Terminals in Betrieb, weitere befinden sich in Brunsbüttel (Schleswig-Holstein) und Mukran auf Rügen (Mecklenburg-Vorpommern). Im niedersächsischen Stade ist ein weiteres schwimmendes LNG-Terminal geplant.
Beim LNG spielen die USA eine besonders wichtige Rolle: 2025 stammten nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft rund 96 Prozent der über deutsche LNG-Terminals importierten Mengen aus den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig haben der Krieg im Nahen Osten und die Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus den weltweiten LNG-Markt unter erheblichen Druck gesetzt. Europa konkurriert mit anderen Weltregionen, insbesondere Asien, um verfügbare Lieferungen.
Ob die Lage tatsächlich so entspannt bleibt, wie es die Einschätzung der Bundesnetzagentur nahelegt, hängt entscheidend von den kommenden Monaten ab. Das Magazin Focus hat Modellrechnungen angestellt und kommt zu alarmierenden Ergebnissen. Um abzuschätzen, wie lange die Gasvorräte reichen könnten, hat die Redaktion die verfügbare Menge in den Gasspeichern dem laufenden Verbrauch gegenübergestellt. Ein Füllstand von 57 Prozent entspricht etwa 140,7 Terawattstunden (TWh) Gas. Deutschland verbrauchte 2025 nach Angaben der Bundesnetzagentur insgesamt 864 TWh Erdgas. Das entspricht rechnerisch einem durchschnittlichen Tagesverbrauch von rund 2,37 TWh.
Im Spätsommer liegt der Verbrauch naturgemäß deutlich darunter. Focus setzt in seiner Modellrechnung aktuell durchschnittlich 1,69 TWh pro Tag an. Bliebe der Verbrauch auf diesem Niveau und fielen gleichzeitig nennenswerte Gaslieferungen aus dem Ausland weg, wären die Speicher in diesem Szenario bereits Mitte Dezember erschöpft. Doch dieses Szenario unterschätzt sogar noch einen entscheidenden Faktor: Mit Beginn der Heizperiode steigt der Gasverbrauch erheblich. Legt man die saisonalen Verbrauchswerte des Vorjahres zugrunde und unterstellt zugleich einen weitgehenden Ausfall der Importe, würde die Versorgungslücke deshalb noch früher auftreten.

Kein Gas – kein Strom! Die Energiekrise ist zurück. Foto: adriaticfoto / Shutterstock
Geht man davon aus, dass Deutschland weiterhin durchschnittlich rund 2,53 TWh Gas pro Tag importiert, würden im Oktober die laufenden Lieferungen den angenommenen Verbrauch noch vollständig decken und rechnerisch sogar einen Überschuss von rund 7,13 TWh ermöglichen. Mit Beginn der Heizperiode dreht sich die Bilanz jedoch. Im November fehlen nach Abzug der Importe durchschnittlich rund 0,67 TWh pro Tag, die aus den Speichern kommen müssen. Im Dezember wächst diese Lücke auf 0,97 TWh pro Tag beziehungsweise rund 30,07 TWh im Monat. Im Januar wären es schließlich 1,37 TWh pro Tag oder rund 42,47 TWh im Monat.
Unter diesen Annahmen müssten bis Ende Januar 2027 netto rund 85,5 TWh aus den Speichern entnommen werden. Bei einem Ausgangsbestand von rund 140,7 TWh wäre diese Menge zwar gedeckt. Die Reserven würden jedoch erheblich schrumpfen – und die Heizperiode ist Ende Januar noch nicht vorbei.
Das macht deutlich, worin das eigentliche Risiko liegt: Deutschland ist nicht allein auf seine Speicher angewiesen. Die Rechnung funktioniert aber nur, solange während des gesamten Winters große Mengen Gas kontinuierlich ins Land strömen. Fallen Lieferungen aus, verschärft sich der Wettbewerb um LNG oder treibt ein außergewöhnlich kalter Winter den Verbrauch nach oben, kann sich die Bilanz schnell verschlechtern.
Deutschland fährt beim Gas also mindestens auf Sicht, größere Störungen auf den internationalen Märkten könnten die Lage erheblich verschärfen. Dass dieses Risiko nicht real besteht, zeigen mehrere aktuelle Analysen. Anfang September, als die deutschen Gasspeicher nur zu rund 53 Prozent gefüllt waren – dem niedrigsten Stand seit 15 Jahren –, kam der Gasspeicherverband INES zu einem beunruhigenden Ergebnis. Demnach wäre es technisch zwar möglich, bis zum 1. November einen Füllstand von rund 77 Prozent zu erreichen. Entscheidend sei jedoch, ob die gebuchten Speicherkapazitäten tatsächlich schnell genug befüllt werden.
Bei einem Winter mit normalen Temperaturen würde ein Speicherstand von 77 Prozent nach der INES-Modellierung ausreichen. Bis zum 1. April 2027 würden die Speicher dann auf rund 38 Prozent sinken. Ganz anders sieht es bei starker Kälte aus. Legt man ein Temperaturniveau wie im Wetterjahr 2010 zugrunde, reichen selbst zu 77 Prozent gefüllte Speicher nicht aus. An einzelnen Tagen im Januar könnten nach der INES-Modellierung mehr als 25 Prozent des Gasbedarfs ungedeckt bleiben.
Auch das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) sieht erhebliche Herausforderungen. Ende Juli waren die Speicher in der EU und Großbritannien nur zu rund 55 Prozent gefüllt – der zweitniedrigste Stand für diesen Zeitpunkt seit 2016. Nach Berechnungen des EWI müssten sich die europäischen LNG-Importe mehr als verdoppeln, um bis November einen Winterpuffer von 80 Prozent zu erreichen. Gleichzeitig muss Europa diese zusätzlichen Mengen auf einem angespannten Weltmarkt beschaffen und konkurriert dabei insbesondere mit Asien.
Hinzu kommt die Modellierung des europäischen Fernleitungsnetzbetreiberverbands ENTSOG. Dessen «Summer Supply Outlook 2026» untersucht ausdrücklich, ob die europäische Gasinfrastruktur genügend Flexibilität für die Befüllung der Speicher und die anschließende Versorgung während des Winters 2026/27 bietet. ENTSOG kommt zwar zu dem Ergebnis, dass die Infrastruktur grundsätzlich ausreicht – allerdings unter einer entscheidenden Voraussetzung: Es müssen genügend Gaslieferungen verfügbar sein. Ausgangspunkt der Analyse war ein EU-Speicherstand von lediglich rund 28 Prozent zum 1. April. Gleichzeitig belasten der Konflikt am Persischen Golf, Einschränkungen bei LNG-Lieferungen und die weltweite Konkurrenz um Flüssigerdgas den Markt.
Ob die Gaslage tatsächlich so stabil ist, wie die Bundesnetzagentur behauptet, werden die kommenden Monate zeigen. Dann wird sich erweisen, ob Deutschland während der gesamten Heizperiode ausreichend Gas importieren kann, ob Europa auf dem umkämpften LNG-Weltmarkt genügend Lieferungen erhält und ob der Winter nicht außergewöhnlich kalt wird.
Genau hier liegt das Risiko: Die Speicher gehen mit einem ungewöhnlich niedrigen Polster in die entscheidenden Monate. Schon die Modellrechnungen von INES zeigen, wie schnell sich eine grundsätzlich beherrschbare Situation unter ungünstigen Wetterbedingungen in eine Versorgungslücke verwandeln kann. Gleichzeitig verdeutlichen andere Studien, wie abhängig Europa inzwischen vom internationalen LNG-Markt sind. Der kommende Winter wird damit zum Stresstest für Deutschlands Gasversorgung.
Die Deutschen werden gnadenlos ausgeplündert, nicht nur beim Heizen. In seinem Buch «Der hybride Krieg gegen Deutschland» ordnet Gerhard Wisnewski die Energiekrise in ein größeres Bild ein. Hier mehr erfahren.